1.SC Göttingen 05 – SVG Göttingen 07     0:4

13.05.2026

Jahnstadion

Landesliga Braunschweig

Zuschauer: 1.705 (ca. 300 Gäste)

 

 

Super Deutschland, super Deutschland, hey, hey!

Nee, keine Angst, ich bin nicht in eine seltsame Richtung abgedriftet, eher beziehe ich mich auf die mächtige und vielseitige Fankultur, die der Fußball in unserem Land hervorgebracht hat.

Wohl einzigartig ist, dass man selbst in Liga 5 und 6 gewachsene und feste Strukturen findet, in denen Jugendliche und Leute, die jugendlich geblieben sind, ihren Freiraum finden.

So zum Beispiel auch in der Studentenstadt Göttingen, wo es mich als jungen Studenten auch fast hin verschlagen hätte, dann aber doch die Huntestadt durch Schicksalswendungen den Zuschlag bekam.

Wer weiß; wäre es damals anders gekommen, hätte ich vielleicht hautnah miterlebt, wie hier eine politisch deutlich links ausgerichtete Szene entsteht, die sich unter dem Dachverband Supporters Crew 05 zusammenfindet und aus den Gruppen Rasensportguerilla, Stadtbekannte Taugenichtse, Banda Raval sowie den Cider Boiz besteht.

Ich hatte das Geschehen bislang jedoch nur via Internetz beobachtet, sodass sich das Stadtderby am Tag vor „Vatertag“ quasi aufdrängte, von mir besucht zu werden, um mir mehr als 20 Jahre nach meinem letzten und ersten Besuch im schmucken Jahnstadion ein Bild von den Gegebenheiten zu machen.

Das Fortschrittsunternehmen auf Gleisen beförderte mich ans Ziel und bei herbstlich-kühlem Aprilwetter im Mai legte ich den etwa halbstündigen Fußweg vom Bahnhof zum Stadion routiniert und mit einem Regenschirm in der einen sowie einem Coffee-to-go in der anderen Hand zurück, um mich am Stadion mit Timo zu treffen, der aus Hamburg anreiste, um heute endlich den Ground zu kreuzen, den er vor zig Jahren im Rahmen einer Klassenfahrt lediglich gespottet hatte.

Die Vollzahler-Zugangsberechtigung gibt’s für faire 8 Euro und gestattet es einem, sich frei im Stadion zu bewegen, also entweder entsprechend des Wetters auf der überdachten Haupttribüne Platz zu nehmen oder auf der Gegenseite im „Hopperblock“ das Stelldichein zu geben. Knapp über 300 Check-Ins in unsere Lieblingsapp ist schon ne Ansage für Liga 6. Aber gut; es war ja sonst an diesem Mittwoch nicht viel los….

Auch th1909.de traf man Mitte der ersten Hälfte noch an und so verlaberte man den weiteren Spielverlauf ganz gut, um mal im Hoppersprech zu bleiben. Grüße gehen raus!

Jedenfalls hat man von der Gegenseite perfekte Sicht auf den etwa 100-150 Leute umfassenden aktiven Heimanhang, der sich von uns aus links befindet und zu Spielbeginn eine kleine Choreo (2 Euro davon refinanziert durch mich via freiwillige Spende am Eingang) zeigt.

Konkret gezeigt wurde das Konterfei des ehemaligen Spielers und Mitglieds Ludolf Katz, der 1903 in Göttingen geboren und nach 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens wie alle anderen desselben Glaubens systematisch aus dem Vereinsleben ausgeschlossen wurde. 1938 emigrierte Katz in die USA, fast genau am Spieltag (11. Mai) wäre er 123 Jahre alt geworden.

Im Anschluss zeigte die Szene, dass sie nicht nur Erinnerungskultur kann, sondern auch eine Menge kreatives, schwungvolles und frisches Liedgut in petto hat. Eine Melodie versetze mir dermaßen einen Ohrwurm, dass ich noch am Folgetag leise vor mich hin summte. Doch, hat Bock gemacht, ebenso, dass noch etwas mit gelbem Rauch, einem Bengalo sowie einem Spruchband gegen die Cops bzw. deren Hausdurchsuchungen hantiert wurde. Weniger Spaß gemacht hat dem Mob aber vermutlich der Spielverlauf, denn es setzte eine unschöne und deutliche Derbyniederlage, die nicht mal unverdient war.

Die Truppe von Göttingen 05 hatte kaum offensive Aktionen und war hinten teilweise vogelwild, sodass SVG-Mann Maximilian Werner gleich drei der insgesamt vier Gegentreffer setzt.

Doof allemal, wenngleich eher ein Ding, das an der Derbyehre kratzt, als dass es sportliche Relevanz hätte. Obwohl eine Truppe wie Göttingen 05 nicht zuletzt aufgrund einer aktiven Szene die Oberliga Niedersachsen in jedem Fall bereichern würde, machen die Teams aus Vorsfelde und Gifhorn den Aufstieg unter sich aus.

Bleibt dennoch zu hoffen, dass es für die Hausherren perspektivisch wieder sportlich bergauf geht.