Hannoverscher SV 96 – BTSV Eintracht 1:0

20.03.2026

2.Bundesliga

Niedersachsenstadion

Zuschauer: 42.000 (ca. 4.200 Gäste)

 

 

Als das Niedersachsenderby zwischen Hannover und Braunschweig vor einigen Wochen auf einen Freitagabend um 18:30 Uhr terminiert wurde, war ich direkt heiß und vermerkte mir diesen Termin rot im Kalender.

In der Woche vor dem Spiel wuchs dann die Vorfreude doch merklich an, zumal ich offenbar richtig gepokert hatte und im Gegensatz zu einigen letzten Aufeinandertreffen das Derby ohne große Repressionen stattfinden sollte. Wäre auch schwer nachvollziehbar gewesen, da auch das Hinspiel weitgehend ruhig verlief, aber bei den spontanen Launen und Paranoia der Sicherheitsorgane muss man ja mit allem rechnen.

Diesmal aber wie gesagt erstaunlich ruhig von allen Seiten, vielleicht hat man ja auch auf beiden Seiten erkannt, dass Ultra und Fandasein, Dinge wie ein angesprühtes lebendes Schwein durch die Stadt seines Gegners zu jagen, eher ablehnen als befürworten sollte.
Rund 4.200 Karten gingen in die Löwenstadt, rund ein Viertel dieser Karteneigentümer machte sich gen Mittag mit einem Entlaster auf den kurzen Weg gen Landeshauptstadt.

Zwar nicht im Entlaster und zudem aus einer anderen Richtung reisten wir an dem Tag an und waren schon am frühen Nachmittag bei feinstem Frühlingswetter in der Innenstadt unterwegs, ein Bierchen hier, ein Bierchen dort. Irgendwann dann den Menschenmassen hinterher, ab ins Stadion.

Kaum zu früh, denn die aktive Heimszene rief dazu auf, dass sich alle Fans, Ultras, Hools, Kutten usw. um 17:45 Uhr, also eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff, im Block einfinden sollen. Zum Einlaufen der Mannschaften zum Warmachen werden dann mal direkt locker 20 Fackeln angerissen und erste Anfeuerungsrufe schallen durchs Niedersachsenstadion. Derbytime!

Auch der Braunschweig-Mob hat den Weg in den Gästeblock gefunden, ein Großteil bildet optisch eine schwarze Wand und ist bereit, ins Derby zu ziehen, was seine Wurzeln in einem über hunderte Jahre gereiften Geben und Nehmen zwischen beiden Städten findet. 
Zum Einlaufen der Mannschaften präsentieren beide Seiten ein jeweils gelungenes Intro.

96 haut ne feine Choreo über die gesamte Nordtribüne raus. Glitzerfähnchen, Glitzerpappen und ein zentrales Hochziehelement werden verwendet, um den Spieler Peter Radojewski bei seinem Torjubel aus der 3:0-Derbysiegsaison 1989/1990 zu visualisieren. Der Spruch „Heb die Fäuste, haut euch rein, wir werden für ewig überlegen sein“ rundete die ganze Aktion ab.

 

Ebenso wenig müssen sich die Gäste verstecken, denn auch hier wird eine optische Aktion geboten. „Auf ins Felde zum Sieg – für unser Land und seine Stadt“. Der Spruch wird im oberen Bereich des Gästeblocks mittels Stofftransparent gezeigt, dazu werden hunderte blaue sowie gelbe Fähnchen verteilt. Zentral im Block werden die Augen eines Totenkopfs durch den Einsatz von Bengalos zum Leuchten gebracht, später brennt und blinkt dann der ganze Block.

Im unteren Bereich wird die Choreo durch ein weiteres großes Transparent mit dem Wort "Braunschweig" der letzte Feinschliff verliehen. Ein würdiger Derbyrahmen!

 

Zwischen all dem Tifo bekommt der ein oder die andere kaum mit, dass Schiedsrichter Dr. Florian Exner das 184. Niedersachsen-Derby gegen 18:30 Uhr offiziell angepfiffen hat. Ich zum Beispiel richte meinen Blick zum ersten Mal auf den Rasen, da sind schon 2 Minuten gespielt.

Nun sollte das Spiel also beginnen, die eigentliche Show findet aber heute recht offensichtlich auf den Rängen statt, so zumindest aus meiner Interessenslage heraus.  

Von Anfang an ist die Stimmung auf den Rängen stark bis sehr stark, die diversen Vorsänger der Heimkurve sind auch mit deutlichen Abstand zwischen ihnen und mir deutlich zu vernehmen und beschwören die Anhängerschaft immer wieder durch leidenschaftliche Worte, an diesem Abend alles zu geben. Nicht ganz ohne Effekt, denn die Uhr zeigte die 30. Minute, als Hannovers Nawrocki den Hausherren das 1:0 beschert, was ein kollektives Ausrasten auf der Heimseite nach sich zieht.

Die Stimmung ebbt bis zur Halbzeitpause auch nicht mehr ab, zumindest auf der nördlichen Seite der Geschehnisse, während man bei Braunschweig mit der Mischung aus Anspannung und Abstiegsangst umzugehen hat.

Halbzeit, erstmal durchschnaufen, denn gleich geht’s in Hälfte Zwo.

Und auch hier hat es der Beginn in sich…..


Mittlerweile ist es dunkel geworden, sodass nun ziemlich klar ist, was kommen soll, zumal sich auf beiden Seiten in der Pause ordentlich vermummt wurde.

Die Anhänger der Eintracht zünden mindestens 100 Fackeln zeitgleich, was durch die perfekte Anordnung im Block ein starkes Bild abgibt.

Auf der anderen Seite steht man – kaum ist das Licht im Gästeblock erloschen – in nichts nach.  Zunächst wird das Transparent mit der Aufschrift „Bringt die Hauptstadt zum Beben“, welches über die ganze Nordtribüne ragt, gezeigt und für schätzungsweise zwei Minuten alleine für sich stehen gelassen. Als sich schon jeder fragte, wie denn dieses „Beben“ aussehen solle, wird massiv mit Pyrotechnik hantiert. Die gesamte Nordkurve wird in den Rauch und das Licht zigfacher Bengalos und Rauch gehüllt. Dazu massig Raketen, Heuler usw. Das ist schon Endstufe und die Verantwortlichen des DFB hatten es vermutlich schwer, mit dem Zählen hinterherzukommen. Recht so!

 

Positiv: ein Großteil des Normalo-Publikums goutiert das soeben gesehene Spektakel mit Applaus. Vor zehn Jahren auch noch undenkbar, auch wenn durch den ganze Nebel das Spiel locker 10 Minuten unterbrochen war.

Auf den Rängen also eine glatte „Eins“, auf dem Rasen eher durchwachsene Fußlümmelei. Hannover mit eben dem einen Tor, was die Aufstiegsträume am Leben erhält, Braunschweig zwar gut mitgehalten, spätestens am Strafraum aber zu harmlos und teils überhastet.

 

Alles in allem ein großartiges Derby, das für viele Fans – aus meiner Wahrnehmung ohne nennenswerte Begleiterscheinungen - noch bis spät in die Nacht in Hannovers Altstadt weiterging. Wir reflektierten den Abend noch in einer dortigen Craft-Bier-Bar, wobei der Tag noch vor Mitternacht für uns für zu Ende erklärt wurde.

 
Lohnenswerter Spielbesuch!